Erneut freuen wir uns, dass wir exemplarisch sechs unserer erfolgreichen Absolventen vorstellen dürfen.

Wir gratulieren zum bestandenen Abitur!

 


 

Cora Braun

26 Jahre

Braun

Ich habe im 3. Semester am Abendgymnasium angefangen, zu dem Zeitpunkt war meine Tochter vier Monate alt. Als Jugendliche hatte ich das Gymnasium in der 12. Klasse abgebrochen, bin orientierungslos durch die Welt getingelt, doch das Abi hat mich nicht losgelassen. Erst durch meine Tochter war ich motiviert, die Schule doch fertig zu machen. Ich habe ja keine Ausbildung, habe immer nur herumgejobbt und mal eine Berufsschule für Ernährung und Hauswirtschaft besucht.

Die Schulzeit am Abendgymnasium war toll, auch eine Art Ausgleich zum Muttersein. Wenn meine Tochter geschlafen hat, konnte ich für die Schule lernen. Ich lebe bei meiner Mutter, sie hat oft auf meine Tochter aufgepasst.

Die Atmosphäre unter den Erwachsenen ist anders, man wird nicht schräg angekuckt oder verurteilt für das, was man erlebt hat. Ich bin auch nicht mehr so übersensibel und schüchtern wie früher. Da habe mich kaum getraut, im Unterricht etwas zu sagen. Das war hier am Abendgymnasium viel besser.

Was ich von der Schule mitnehme: ganz viel Kraft. Ich möchte Medizin studieren. Die Schule hat mir eröffnet, dass man was erreichen kann, dass noch nicht alles verloren ist, wenn man mit 26 noch keine Ausbildung hat. Ich nehme Freunde mit und verlasse die Schule mit einem lachenden und einem weinenden Auge.   

 

 

Sebastian Reuter

30 Jahre, Energielektroniker

Reuter

Ich bin gelernter Energieelektroniker, habe den LKW-Führerschein und bin 5 Jahre Lastwagen gefahren, zwei Jahre davon Schwertransporter. Zur Zeit fahre ich LKW im elterlichen Betrieb. Aber diese Arbeit hängt mir zum Halse heraus.

Bis zur 10. Klasse war ich auf dem Gymnasium, doch als Jugendlicher fand ich die Schule langweilig und bin abgegangen.

Hier am Abendgymnasium, wo ich ins erste Semester eingestiegen bin, war die Schule anders. Jetzt war ich freiwillig hier und älter, reifer. Stressig fand ich die Schule nicht. Der Abendunterricht hat einen auf Trapp gehalten.

Am Abendgymnasium habe ich meine Liebe zur Mathematik entdeckt und mich regelrecht verliebt in das Fach. Nun möchte ich Mathe auf Diplom studieren. In der Schule habe ich mathematisch Laufen gelernt, an der Uni geht es ans Eingemachte.

Wie der Austausch mit Mitstudierenden und Lehrern war? Zu zwei, drei Leuten hatte ich mehr Kontakt, doch ich hatte auch nicht vor, viele Leute kennen zu lernen. Ich bin eher ein stiller Beobachter. Die zwei Mathelehrer, die ich hatte, waren wirklich Vorbilder für mich.

Ein Tipp, den ich weitergeben kann? Bildung ist das A und O. Dafür muss man Energie aufwenden. Auch wenn ich alles locker gemacht habe, das Abitur bekommt man nicht geschenkt. Und es ist toll, dass die Schule nichts kostet, dafür bin ich dankbar.

 

Ayse Bicer

33 Jahre

Bicer

Als ich vor 14 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, nachdem mein Mann und ich geheiratet hatten, war ich zunächst nur Hausfrau und Mutter. Ich hatte zwar in der Türkei mein Abitur gemacht, doch meine Zeugnisse wurden hier nicht anerkannt. Die ersten Jahre konnte ich mich kaum verständigen. Ich hatte einen Deutschkurs in der Moschee besucht, kannte aber keine Deutschen, mit denen ich mich unterhalten konnte. Als mein Sohn 10 Jahre alt war, hatte ich genug von Daheimsein. Ich langweilte mich, habe gemalt, Theater gespielt, doch damit war mein Leben nicht ausgefüllt. Durch meine Theatergruppe habe ich vom Abiturlehrgang KOOP erfahren und mich dort angemeldet. Die ersten drei Schulhalbjahre waren sehr stressig, aber auch schön, weil die Lehrer und die anderen in meiner Klasse sehr freundlich waren und mir Mut gemacht haben. Lange war ich mir nicht sicher, ob ich das Abitur schaffe, erst im dritten Jahr war mir plötzlich klar „Ayse, du schaffst das“. Genauso ist es gekommen. Ich habe ein gutes Abitur gemacht. Darauf bin ich stolz.

Ich hatte Durst nach Wissen, mein Horizont ist jetzt weiter, mein Deutsch hat sich enorm verbessert. Meine erste Klausur im Leistungskurs Deutsch war noch eine Fünf. In der Abiturklausur habe ich eine Zwei in Deutsch geschafft. Jetzt möchte ich Innenarchitektur oder Pharmazie studieren.

Allen, die zögern, möchte ich sagen, versucht es mit dem Abitur. Man schafft das.     

 

Parasto RahimiRahimi

30 Jahre,

Fremdsprachenkorrespondentin

für Englisch und Französisch

Ich habe den Abiturlehrgang KOOP am Vormittag besucht. Meine Schulzeit als Erwachsene war begleitet von zwei Schwangerschaften. Das erste Kind kam am Anfang des 4. Semesters zur Welt. Das zweite zur Abiturzeit, im Dezember 2012. Diese Geburt war ein bisschen aufregend, weil wir nicht wussten, ob das alles terminlich klappt. Der Geburtstermin war für den 11. Dezember ausgerechnet, am 12.12.  sollten die mündlichen Abweich- und Nachprüfungen stattfinden. Ich hatte Glück und musste in keine Abweichprüfung. Trotzdem habe ich mich freiwillig für eine mündliche Prüfung gemeldet, da mir nur zwei Punkte für einen besseren Notendurchschnitt fehlten. Meine Prüfung wurde dann extra um eine Woche vorverlegt, was gut war, denn genau am Tag der mündlichen Abiturprüfung habe ich meinen zweiten Sohn bekommen, eine Woche vor dem ausgerechneten Geburtstermin. Mittags war die Prüfung, es hat alles geklappt, ich habe meinen Notenschnitt verbessert. Dann bin ich nach Hause gefahren und wir haben ein Glas Sekt auf mein bestandenes Abitur getrunken, das einzige während der Schwangerschaft. Nachmittags merkte ich schon, dass die Wehen einsetzten, abends sind wir ins Krankenhaus gefahren und um 23 Uhr war mein Sohn geboren.

Was ich jetzt vorhabe? Erstmal eine kleine Pause einlegen und dann studieren. Ich bin ganz zuversichtlich, dass das klappt mit zwei Kindern. Mein Mann und meine Familie unterstützen mich. Das war auch während der letzten Jahre so. Morgens habe ich meinen Sohn zu meiner Mutter gebracht, ihn nach der Schule abgeholt und abends Hausaufgaben gemacht. Wenn er nachts unruhig war, haben mein Mann und ich uns mit dem Kind abgewechselt. Mein Fall zeigt: man kann zwei Kinder bekommen und trotzdem das Abitur schaffen. Oder umgekehrt: drei Jahre zur Schule gehen und nebenbei zwei Kinder bekommen.

 

Ulrich Backheuer

47 Jahre

Backheuer

Ich hatte mich für den Kooperationslehrgang „Lernen, wenn die Kinder lernen“ angemeldet, weil ich einen Pflegesohn hatte und deswegen ursprünglich mal Soziale Arbeit studieren wollte. Dafür braucht man das Fachabitur. Als ich das in der Tasche hatte, habe ich weitergemacht bis zum Abitur. Soziale Arbeit war da nämlich längst nicht mehr mein Thema.  Mein Studienwunsch ist jetzt Maschinenbau, speziell regenerative Energien interessieren mich sehr, und so wird auch mein Studiengang sein.
Ich habe lange Zeit alte Motorräder restauriert und besitze selbst ein altes Motorrad. Aus diesem Hobby habe ich eine Nebenbeschäftigung gemacht, die mir auch helfen kann, die finanzschwachen Zeiten zu überwinden.

Die Schule ist mir sehr leicht gefallen und ich habe ein sehr gutes Abitur gemacht. Ich habe als Jugendlicher schon mal die Schule bis Klasse 11 besucht, bin dann aber von der Schule geflogen, was maßgeblich an meiner mangelnden Präsenz lag. Wenn man älter ist, kann man viel aufgrund seiner Erfahrung schaffen. Jetzt hatte ich wirklich Spaß an der Schule. Das A und O ist die Anwesenheit. Wenn man nicht fehlt, müsste es für jeden gut laufen.