Im (fast) vergangenen Sommer haben zahlreiche Studierende aus verschiedenen Teilsystemen ihr Abitur an unserer Schule gemacht. Wir freuen uns nicht nur über diesen Erfolg, sondern auch darüber, dass wir auch diesmal wieder einige exemplarische (Lern-)Biographien aus allen Teilsystemen präsentieren dürfen!

 


 

SS12_1Sadier Alkhafaji

36 Jahre

Wie ich dazu kam, das Abitur nachzumachen? Meine Geschichte ist etwas länger. Mit 17 Jahren bin ich, zusammen mit meinem älteren Bruder, aus Bagdad im Irak geflüchtet. Das war nach dem ersten Golfkrieg. Über den UNHCR sind wir nach Schweden gekommen. Dort habe ich 6 ½ Jahre gelebt, Schwedisch gelernt, eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolviert. Als ich irgendwann meinen anderen Bruder in Köln besuchte, habe ich mich hier sofort wohl gefühlt. Das Großstadtklima, die Multikultur haben mir besser gefallen als die Einsamkeit der nordschwedischen Kleinstadt, in der ich lebte. Die ersten Jahre in Köln habe ich verschiedene Jobs gemacht. Dann beschloss ich, das Abitur nachzumachen, immerhin war ich der einzige Nichtakademiker in meiner Familie. So suchte ich mir einen neuen Arbeitgeber, bei dem ich nachmittags arbeiten und morgens zur Schule gehen konnte. Das war Ikea. Das Kooperationsprojekt „Lernen, wenn die Kinder lernen“ habe ich im Internet gefunden. Für mich war es eine Superoption. Als ich anfing, habe ich auch meine Frau angesteckt, sie hat das Fachabitur gemacht und studiert schon. Ich möchte ab Herbst Informatik studieren. Was hat mir die Schule gebracht? Ich habe mein Deutsch verbessert, meinen Horizont erweitert, vor allem habe ich gelernt, geduldig zu sein in diesen drei Jahren, in denen sich Schule, Arbeit und Schlafen monoton abwechselten. Das schafft nicht jeder.

 

 

SS12_2Rüküye Altun

24 Jahre

pharmazeutisch-technische Assistentin  

Wegen der Schule bin ich von Osnabrück nach Düsseldorf gezogen, wo ich eine Stelle gefunden hatte. Von dort bin ich zweimal pro Woche nach Köln zur Schule gefahren. Den Lehrgang abitur online hatte ich im Internet entdeckt. Die drei Jahre waren schon anstrengend, zumal ich die ganze Zeit Vollzeit in der Apotheke gearbeitet habe. Aber ich habe viel bewusster und selbständiger gelernt als früher in der Realschule. Der Zusammenhalt in der Klasse war toll, die Lehrer offen für unsere Probleme. Was ich jetzt studieren will? Weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht Bauingenieurswesen oder auf Lehramt.

 

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Daniel Kliche

31 Jahre

Sicherheitsfachkraft

Warum Abitur? Auf die Idee bin ich gekommen, weil meine Frau auch in Bergheim das Abitur nachgemacht hat. Ohne diesen Abschluss komme ich nicht weiter. Ich möchte ja Jura studieren. Als Jugendlicher war ich schon mal auf dem Gymnasium, bin sogar bis zur Klasse 13 gekommen,  doch dann kurz vor dem Abitur abgegangen. Jetzt war es ganz wichtig für mich, die Sache doch noch zum Abschluss zu bringen. Insgesamt war die Schule für mich ein schöner Ausgleich zur Arbeit. Im Oktober fange ich mit dem Studium an

 

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Marcel Haupt

32 Jahre

Elektroinstallateur

Zwei Jahre habe ich überlegt, ob ich das Abitur machen soll oder nicht. Die Schule ist mir von einem Freund empfohlen worden. Den größten Teil der Schulzeit auf dem Abendgymnasium habe ich Vollzeit gearbeitet. Auch wenn mein Chef viel Verständnis für meine schulische Weiterbildung hatte, war es doch sehr stressig. Meine Firma hat z.B.  monatelang Sonnenbänke in Belgien installiert und nachmittags habe ich oft nervös auf die Uhr geschaut, ob ich es noch rechtzeitig schaffe, zur Schule zu kommen. Die ersten zwei Jahre habe ich oft nur zwei oder drei Stunden geschlafen. Im letzten Jahr habe ich Bafög beantragt, da wurde es besser und ich hab mich in der Schule total engagiert, wurde Stufensprecher, habe bei der Studierendenzeitung mitgearbeitet und Artikel geschrieben. Was ich jetzt machen will? Ich habe viele Ideen: vielleicht Medienkommunikation oder Immobilienwirtschaftstudieren oder Philosophie und Bio auf Lehramt. Vielleicht mache ich auch zuerst eine Ausbildung zum Immobilien- oder Medienkaufmann. Mal schauen.  Durch die Schule bin ich ein Stück erwachsener geworden, ich kann jetzt realistischer an die Dinge herangehen.

 

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Brigitte Vogt

46 Jahre

Justizbeschäftigte

Was mir die Schule gebracht hat? Ich habe begonnen, mich mit Inhalten zu beschäftigen, die mich vorher nie interessiert hätten, z.B. Deutsch und Geschichte. Als ich im Lehrgang abitur online anfing, wollte ich die Schule ganz straight durchziehen, doch nach einem Jahr musste ich mich beurlauben lassen. Meine Söhne, damals 12 und 14, brauchten mich weil sie in der Schule immer schlechter wurden. Vom Vater meiner Kinder bin ich getrennt und in zweiter Ehe verheiratet. Das Pausieren ist mir sehr schwer gefallen, ich wusste auch nicht, wann ich wieder anfange, aber ich habe nie gezweifelt, dass ich die Schule wieder aufnehme. Bis auf das letzte Jahr habe ich neben der Schule Vollzeit gearbeitet, Familie, Job und Schule – das ist schon eine starke Belastung. Doch mein Mann hat mich sehr unterstützt, ich glaube, das ist das Wichtigste für einen erfolgreichen Schulabschluss, dass das familiäre Umfeld einen unterstützt.  Meine Aufgaben habe ich zum Beispiel immer abends gemacht, ab 20 Uhr, daran habe ich mich so gewöhnt, dass ich das direkt vermisse. Da mein Mann Schicht arbeitet, haben wir uns oft mehrere Abende nicht gesehen. Trotzdem hat alles super geklappt.

Die Lehrer habe ich als sehr motivierend erlebt und der Zusammenhalt in meinen Kursen war toll. Ich kann nur sagen, egal, wie alt man ist, es lohnt sich immer das Abitur zu machen.  Jetzt will ich Psychologie an der Fernuniversität Hagen studieren.

 

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Tanja Tröger

41 Jahre

Krankenschwester

Den Abiturlehrgang am Vormittag, der als Kooperationsprojekt vom Abendgymnasium und Kölnkolleg ausgerichtet wird, habe ich per Zufall entdeckt, als ich für meinen Sohn ein Gymnasium gesucht habe. Ich wollte immer schon das Abitur nachmachen. Jetzt, wo meine drei Kinder größer waren, schien es zu klappen. Die Schulzeiten waren optimal für mich. Vormittags waren meine Tochter, meine beiden Söhne und ich in der Schule, nachmittags haben wir alle unsere Hausaufgaben gemacht – jeder in seinem Zimmer. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten unterhielten wir uns oft über das Gelernte und tauschten auch Klausuren und Ideen zu Referaten aus. Die Schule war anstrengend, aber ich habe es genossen, mich nach all den Jahren, in denen ich mich nur um die Familie gekümmert habe, mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Jetzt will ich studieren: entweder Biologie oder Umweltingenieurswissenschaften.