Stellvertretend für die Abiturienten des Sommers 2011 erzählen vier unserer Absolventen ihre (Schul-)Geschichte:

 

SepidehSepideh Haddadian

30 Jahre

 

Ich bin im Iran, in der Stadt Mashad östlich von Teheran geboren und lebe seit 2003 in Köln. Mein Mann ist seit 20 Jahren in Deutschland. Wir haben uns im Iran kennengelernt und so bin ich auch nach Deutschland gekommen. Im Iran habe ich bereits mein Abitur gemacht, doch das wurde hier nicht anerkannt.

Die ersten drei Jahre in Köln waren schlimm für mich. Die fremde Kultur, die fremde Sprache, die ich noch nicht konnte. Ich hab mich kaum auf die Straße getraut. Als dann mein Sohn zur Welt kam, war ich noch mehr allein und litt sogar unter Depressionen. Eine Freundin, eine Perserin, hat mich ermuntert, die Schule zu besuchen. Wir sind dann zusammen zum Abendgymnasium gegangen und ich habe mich dort angemeldet.

 

Bis zum 2. Semester war ich dort, mein Mann hat abends auf den Sohn aufgepasst. Dann bin ich allerdings in den Vormittagslehrgang „Lernen, wenn die Kinder lernen“ gegangen, weil der Vormittagsunterricht für mich günstiger war.

 

Von den Inhalten her war die Schule für mich zunächst total frustrierend. Alles, was ich schon einmal fürs Abitur gelernt hatte, musste ich nun noch einmal machen, nur in einer fremden Sprache. Nur, weil mein iranisches Abitur hier nicht anerkannt wurde. Doch schon bald habe ich der Schule auch etwas Positives abgewonnen: ich habe tolle Frauen und tolle Lehrer kennengelernt, ich hab enorm an Selbstbewusstsein gewonnen. Jetzt traue ich mich zu kommunizieren. Die Schule war für mich ein Gewinn an Kultur und sozialen Kontakten. Jetzt bin ich wieder schwanger, wenn mein zweites Kind auf der Welt ist,  möchte ich nach einer kurzen Pause studieren: etwas in Richtung Bankwesen und Finanzen. 

 

SandyFSandy Friedrich

24 Jahre

Operationstechnische Assistentin

 

Ich bin in Löbau in Sachsen geboren und habe eine Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin gemacht. Während dieser Zeit kam der Wunsch auf, Medizin zu studieren und so habe ich mich direkt danach am Abendgymnasium in der Außenstelle Bergheim angemeldet. Da ich das Fachabitur schon hatte, konnte ich die Schule auf zwei Jahre verkürzen, musste allerdings nebenbei die zweite Fremdsprache nachholen. Das war ziemlich hart. In meinem Beruf habe ich die letzten zwei Jahre nicht mehr gearbeitet, weil ich wegen der Schule nicht mehr flexibel genug war. Wie hab ich die Schule erlebt? Insgesamt sehr positiv. Ich hab neue Leute kennengelernt und an mir beobachtet, dass ich jetzt viel zielstrebiger war als in der Realschule. Früher hätte ich mir das Abitur nie zugetraut.    

 

AndreasLAndreas Lösch

33 Jahre

Rettungsassistent

 

Ich habe den Lehrgang „Abitur online“ besucht. Während der letzten drei Jahre auf dem Abendgymnasium habe ich zwei Mal die Stelle gewechselt, um regelmäßig zur Schule gehen zu können. Die 12- oder auch 24-Stunden-Schichtdienste ließen sich schlecht mit der Schule vereinbaren. Nach der Realschule hatte ich keine Lust mehr auf Schule, doch schon während meiner Ausbildung als Rettungsassistent habe ich gemerkt, dass ich Erfolg habe, wenn ich mich für eine Sache interessiere. Man muss einfach ein Ziel vor Augen haben. Was das Lernpensum betrifft war die Schule überhaupt nicht anstrengend. Aber die Doppelbelastung von Schule/Beruf und Privatleben war schon sehr stressig. Es gab Tage, da hatte ich keine Minute Freizeit. Doch insgesamt war es eine gute Zeit: ich war freiwillig am Abendgymnasium, die Schüler sind disziplinierter, die Lehrer sehr hilfsbereit. So habe ich mir die Schule immer vorgestellt. Abi online war für mich ideal, weil ich generell ein gut strukturierter Mensch bin und sehr gut für mich alleine arbeiten kann. Ich werde auf jeden Fall studieren, nur was, weiß ich noch nicht.

 

 

 

 

Gabi Klein

44 Jahre

Justizbeamtin

Ursprünglich wollte meine jüngere Schwester das Abitur machen, ich habe nur auf ihr Bitten hin mitgemacht. Doch dann habe ich Blut geleckt. Ich habe damals die Realschule mit der mittleren Reife beendet, weil mein Vater der Ansicht war, ich solle etwas „Anständiges“ lernen. Meine vier Kinder, 19, 17, 14 und 11 Jahre alt, fanden das am Anfang etwas merkwürdig, dass ihre Mutter so spät noch das Abitur nachholen wollte. Auch mein Mann, der als Diakon sehr eingespannt ist, war leicht skeptisch. Doch jetzt habe ich das Abitur in der Tasche, ein gutes Abitur, und meine Familie freut sich mit mir. Witzigerweise haben meine älteste Tochter und ich zur gleichen Zeit das Abitur gemacht. Wir hatten auch beide Deutsch als Leistungskurs und konnten daher öfter Materialien austauschen. Auch wenn ich noch nicht weiß, wann ich mit einem Studium anfange, die Schule hat sich auf jeden Fall gelohnt. Sie war eine persönliche Bereicherung für mich, vor allem das neu gewonnene Verständnis im Fach Geschichte und die Begegnungen mit den Menschen. Ich hatte in meinen Kursen Mitstudierende mit echt harten Lebensgeschichten. Viele von ihnen haben früher immer gesagt bekommen haben, „du bist zu blöd, du schaffst die Schule doch nie.“  Und sie haben es trotz dieser widrigen Umstände geschafft.  Das habe ich bewundert.  Es ist nicht wichtig, ob jemand der Beste ist, jeder, der das Abitur auf dem Abendgymnasium schafft, hat Großartiges geleistet.