Wie und warum holt jemand an unserer Schule das Abitur nach? Vier unserer Absolventen erzählen:

 

Viktor RitterViktor_Ritter_klein

31 Jahre

Optiker

 

Ich bin in Kasachstan geboren und kam mit meinen Eltern 1996 als Spätaussiedler nach Deutschland. Meine Leidenschaft war von klein auf der Skilanglauf. In Kasachstan war ich als Jugendlicher in der Nationalmannschaft. Hier in Deutschland habe ich im Skiverband der Bayer-AG Leverkusen trainiert und war mit 17 Jahren der Beste. Wenn man sich für den Leistungssport entscheidet, muss man die Schule zwangsläufig vernachlässigen. Deshalb habe ich nur die Realschule besucht.  Aber ich wollte immer schon das Abitur machen. Vom Abendgymnasium habe ich über meine Frau erfahren, die im Kooperationsprojekt zwischen Abendgymnasium und Köln-Kolleg „Lernen, wenn die Kinder lernen“ das Abitur nachgeholt hat. In den ersten beiden Semestern habe ich tagsüber noch in meinem Beruf als Optiker gearbeitet und bin abends zur Schule gegangen. Als dann im Sommer 2008 unsere Zwillinge geboren wurden, habe ich Elternzeit beantragt und kümmere mich seitdem als Vater zu Hause um unsere Töchter,  während meine Frau an der Uni studiert. Kindererziehung und Schule sind genauso anstrengend wie Arbeit und Schule. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Nun möchte ich Wirtschaftswissenschaften studieren.

 

Lei_Wang_kleinLei Wang

34 Jahre

 

Ich bin in China in der Stadt Nanjing geboren, die liegt 200 Kilometer westlich von Shanghai. 1998 bin ich nach Ungarn gekommen, wo ich für eine Import-Export-Firma in Budapest gearbeitet habe. Dort habe ich auch meinen späteren Mann kennen gelernt, der in Deutschland gearbeitet hat. 2001 bin ich zu ihm in die Nähe von Wuppertal gezogen. Nachdem ich mich erst um meine gerade geborene Tochter gekümmert habe, habe ich an der Volkshochschule Deutschkurse besucht. Dann wollte ich eine Ausbildung anfangen, doch das Arbeitsamt hat mir nur Ausbildungsstellen als Köchin oder Mechaniker anbieten können. Daran hatte ich kein Interesse. Ich hatte ja schon das  chinesische Abitur und wollte etwas in Richtung Wirtschaft machen. Doch meine Zeugnisse wurden hier nicht anerkannt. Beruflich völlig neu musste ich planen, als mein Sohn gerade auf der Welt war und mein ungarischer Mann und ich uns getrennt hatten. Nun war klar, dass ich in Deutschland bleibe und meine Kinder hier zur Schule gehen. So entschloss ich mich, das deutsche Abitur nachzuholen und meldete mich für das Kooperationsprojekt am Köln-Kolleg an. In China ist die Schule ein einziger Drill. Hier hat mir das Lernen, vor allem Deutsch und Mathe richtig Spaß gemacht und meine Kinder sind mächtig stolz auf mich. „Meine Mama macht das Abitur“, hat meine 9jährige Tochter allen in der Schule erzählt.

Ich bin jetzt viel freier und selbstbewusster als noch vor drei Jahren. Am liebsten würde ich an der privaten Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin Komplementärmedizin studieren, also naturheilkundliche Verfahren wie traditionelle chinesische Medizin oder Homöopathie, aber das kann ich mir als allein erziehende Mutter finanziell nicht leisten. Ich werde mich jetzt an der Kölner Universität um einen Studienplatz in Mathe und Chinesisch für Lehramt bewerben.

 

 

 

Zehra Uslu Zehra_Uslu_mit_Abizeugnis_klein

32 Jahre

Angestellte im öffentlichen Dienst

 Das Kooperationsprojekt „Lernen, wenn die Kinder lernen“ war für mich wegen der Familienfreundlichkeit genau das Richtige. Ich habe drei Kinder, die jetzt 15, 9 und 6 Jahre alt sind. Durch den Vormittagsunterricht konnte ich Familie und Schule gut unter einen Hut bringen. Auch mein Arbeitgeber ist mir entgegen gekommen und hat mir unbezahlten Sonderurlaub für die Erziehung der Kinder genehmigt.

Ich bin in Köln geboren und in einer Großfamilie mit 5 Geschwistern aufgewachsen. Obwohl ich mit 17 schon schwanger geworden bin, habe ich meinen Traum, das Abitur zu machen, nie aufgegeben. Nach der Geburt meines dritten Kindes kam in mir ein Gefühl auf, dass die Zeit gekommen ist, endlich etwas für mich selbst zu tun. Daraufhin bin ich bei meinen Recherchen auf das Kooperationsprojekt gestoßen. Insgesamt bin ich mit der Schule gut zurecht gekommen. Im 4. Semester hatte ich ein Tief und hab kurz überlegt mit der Schule aufzuhören, doch meine Familie und Freunde, insbesondere einige meiner Mitstudierenden, haben mich sehr unterstützt und ermuntert weiterzumachen. Der Lehrgang KOOP verdient meine Hochachtung, weil man ihn speziell für Mütter und Väter auf die Beine gestellt hat. Zum Abschluss möchte ich jedem empfehlen, seine Träume nie aufzugeben und diese zu realisieren. Jetzt möchte ich meinen Kindheitstraum wahrmachen und Medizin studieren.

 

 Armughan Saeed

23 Jahre

 

Bitte kein Foto. Ich erzähle meine Geschichte lieber ohne Foto: Ich bin in Pakistan geboren und vor über 11 Jahren als Flüchtling zusammen mit meinen Schwestern und meiner Mutter nach Deutschland gekommen. Wir gehören zu einer islamischen Minderheit, einer Reformgemeinde, die im Land verfolgt wird. Als mein Vater 1998 gestorben war, hatten wir keinen Schutz mehr und mussten befürchten, dass seine Familie uns ihren Glauben aufzwingen will. So mussten wir unser Land verlassen. Ich habe in Köln die Realschule besucht, bin aber wegen Deutsch in der 8. Klasse sitzen geblieben. Dann kamen noch Probleme mit den Lehrern dazu, sodass ich nur den Hauptschulabschluss nach der 9. Klasse gemacht habe. Dann habe ich die Abendrealschule besucht und danach den Lehrgang FHR plus hier am Abendgymnasium. Nun habe ich das Abitur geschafft und will so schnell wie möglich Jura studieren, damit ich meinen Ruf als „schwarzes Schaf“ in der Familie endlich loswerde. Mein Vater war Anwalt, meine Mutter hat Sprachen studiert, unter anderem Arabisch und Persisch und hat in unserer alten Heimat als freie Autorin gearbeitet.  Meine Schwestern studieren BWL bzw. Archäologie. Unsere Aufenthaltssituation ist manchmal belastend. Meine Mutter hat nur eine Duldung, weil sie wegen mangelnder Deutschkenntnisse keinen Job bekommt. Ich habe einen sogenannten Probeaufenthalt, der immer zwei Jahre verlängert wird, wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist. Jura zu studieren, ist für mich das Größte, weil ein Examen in Jura zu den wichtigsten Abschlüssen gehört und weil mein Vater Anwalt war.