Mareike Peters
28 Jahre
Leichtathletin: Olympiateilnehmerin 2008, Junioren-Vizeeuropameisterin mit der 4x100-Meter-Staffel, Deutsche Meisterin im 200-Meter-Lauf und mit der 4x100-Meter-Staffel, mehrmalige Deutsche Hallenmeisterin mit der 4x200-Meter-Staffel

Wenn ich vor 10 Jahren meinen Freunden erzählt hätte, dass ich das Abitur machen möchte, hätten die ungläubig geguckt und gesagt „Du bist ehrgeizig im Sport, Mareike, aber in der Schule?“ Lange Zeit lag mein Hauptehrgeiz tatsächlich nur auf dem Sport, aber vor drei Jahren habe ich erkannt, wie wichtig eine gute Schulbildung ist und habe mich am Abendgymnasium für den Lehrgang Abitur online angemeldet. Seitdem sind die Prioritäten auf zwei Gebiete aufgeteilt und im Rückblick denke ich, die Doppelbelastung ganz gut gemeistert zu haben.

Ich bin in Ostfriesland aufgewachsen und mache Sport seit meinem sechsten Lebensjahr. Nach dem Realschulabschluss bin ich von zu Hause ausgezogen und nach Leverkusen gegangen, weil da die Bedingungen für Leistungssportler einfach super sind. Ich war in meiner Ausbildung zur Bürokauffrau beim Bayer-Konzern in einer reinen Sportlerklasse. Wir hatten keinen Blockunterricht, gingen zwei Mal pro Woche zur Schule und drei Mal in den Betrieb. Für Wettkämpfe und Trainingseinheiten wurden wir freigestellt. Nach der dreijährigen Ausbildung bin ich dann zur Bundeswehr gegangen, wo ich nach dem Grundwehrdienst für den Sport freigestellt wurde.

Das Abendgymnasium war schon eine Herausforderung für mich, die größte war, alles unter einen Hut zu bringen. Im Frühling war das einfacher, weil da keine Wettkämpfe stattfinden. Manchmal war ich von Donnerstag an bis zum Wochenende unterwegs, doch im Lehrgang Abitur online konnte ich Schule und Leistungssport gut miteinander verbinden.

Jetzt möchte ich Sportjournalismus studieren. Zurzeit arbeite ich für die Presseabteilung bei Bayer, schreibe Berichte über anstehende Wettkämpfe für die Konzern-Homepage und schicke Pressemitteilungen heraus. Das macht mir großen Spaß.

Was Schule und Leistungssport miteinander zu tun haben? Viel. Man entwickelt Kampfgeist, man arbeitet bewusst auf ein Ziel hin, das muss man durchhalten, im Sport wie in der Schule.

 

Jasin Haksöz

28 Jahre

EinzelhandelskaufmannIch habe bei Saturn gelernt und dort insgesamt 6 Jahre gearbeitet, auch neben der Schule. Vor 1 ½ Jahren habe ich da aufgehört und bei einem Freund im Fotogeschäft angefangen. .

Auf das Abendgymnasium bin ich bei Recherchen im Internet gestoßen. In Köln-Kalk, wo ich wohne, gibt es ein Jugendbüro, das Jugendlichen hilft, eine Ausbildung zu finden. Dorthin bin ich gegangen und im Internet auf den Lehrgang Abitur online gestoßen.

Früher war ich ein fauler Schüler. Auf der Hauptschule habe ich den Qualifikationsabschluss knapp verpasst, doch mit der Ausbildung habe ich dann auch die mittlere Reife erlangt.

Jetzt möchte ich englische Literatur oder Pädagogik studieren.

Wie die Schulzeit am Abendgymnasium war? Nur positiv. Tolle Mitschüler, tolles Lehrerteam. Ich verlasse die Schule mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Wir teilten ja alle das gleiche Schicksal. Wir alle wollten das Abitur schaffen und dafür haben wir gemeinsam gelernt.

Motivierend waren für mich die unterschiedlichen Menschen. In meinen Kursen gab es ältere und jüngere Studierende oder Mütter mit Kindern. Ich selbst bin Vater eines einjährigen Sohnes. Als der auf die Welt kam, hätte ich beinahe das Abi geschmissen, weil mir die Schule plötzlich so schwer vorkam bei all der Verantwortung für die Familie. Doch die anderen haben mich ermuntert, weiterzumachen.

In meiner Jahrgangsstufe war ich nahezu der einzige Studierende mit Migrationshintergrund und für die anderen ein bisschen der Exot. Meine Eltern kommen aus Serbien und ich bin gläubiger Muslim. Meine Religion war im positiven Sinne oft Gesprächsstoff unter uns.

Allen, die das Abitur machen wollen, kann ich nur raten: nehmt Euch das definitiv als Lebensziel vor. Denkt nicht, ihr seid eventuell zu alt oder die Schule sei zu schwer. Macht es einfach. Lasst Euch nicht abschrecken, auch wenn es ab und an schwer erscheint und man am liebsten alles hinschmeißen möchte. Niemals aufgeben. Die Schulzeit vergeht schneller, als man meint und es lohnt sich in jedem Fall, für seine Träume zu kämpfen. Die Abendschule erweitert den Horizont und schult die Persönlichkeit, egal, ob man später studiert oder nicht.

 

Olesya Vituski
31 Jahre
in Novosibirsk Mathematikstudium angefangenIch habe bereits ein russisches Abitur und hatte schon in Novosibirsk in Sibirien, wo ich aufgewachsen bin, mit dem Mathestudium auf Lehramt begonnen. Dann kam unsere Ausreise nach Deutschland dazwischen. 2004 bin ich mit der Familie meines heutigen Exmannes, der Spätaussiedler ist, und unserer gemeinsamen, mittlerweile 14-jährigen Tochter nach Köln gekommen. Von da an habe ich Sprachkurse besucht, Deutsch gelernt, in der Gastronomie gearbeitet und mich irgendwann entschlossen, das Abitur zu machen, weil mein russischer Abschluss nicht anerkannt wurde. Ein Bekannter hatte mir den Lehrgang KOOP empfohlen, wo ich die letzten 3 ½ Jahre gelernt habe. Bereut habe ich das nicht. Das deutsche Abitur ist doch anders als das russische. Hier braucht man fürs Abi zwei Fremdsprachen, in Russland nicht. Die Erwachsenenbildung hat mir gut gefallen, der Vormittagsunterricht ist für Mütter mit Kindern eine Supermöglichkeit, Familie und Schule unter einen Hut zu bringen. Dennoch war die Schule neben dem Job und der Erziehung meiner Tochter manchmal belastend. Lernen konnte ich meistens nur abends. Irgendwann schlägt das auf die Gesundheit.

Mathematik will ich nun nicht weiterstudieren, sondern Psychologie. Noch habe ich die russische Staatsangehörigkeit, aber ich möchte den deutschen Pass beantragen. Nach zehn Jahren fühle ich mich mittlerweile mehr als Deutsche denn als Russin und habe schon viel von der deutschen Mentalität angenommen. Das merke ich immer, wenn ich nach Russland fahre. Ich schätze Zuverlässigkeit und Ordnung. Und ich bin umweltbewusster geworden. Wenn ein Wasserhahn unnütz läuft, drehe ich ihn sofort zu. In Russland lässt man das Wasser einfach laufen. Andererseits vermisse ich die russische Spontaneität und Freude. Die Russen sind nicht so sicherheitsorientiert, sondern offen für das Glück. Wenn man heiraten will, tut man es einfach und macht sich keine langen Gedanken, ob man auch wirklich zusammenpasst und der Schritt richtig ist. Die Deutschen sind sehr rational.

Mein Tipp für zukünftige Studierende: seid in Sachen Schulbildung ein bisschen wie die Russen: offen für Euer Glück. Traut euch, das Abitur zu machen. Lasst Euch nicht einschüchtern von kleinen Rückschlägen, gebt den Traum nicht auf. Die Schulzeit verfliegt im Nu.

 

Sascha Braschoss
45 Jahre
unter anderem LKW-FahrerMein Weg schien vorgezeichnet, als ich auf dem Tagesgymnasium eine Sechs in Latein hatte und trotz lauter Zweien in allen anderen Fächern sitzen geblieben bin. Dann folgte die erste Realschule, die ich als Niederlage erlebte, wo ich mich unterfordert fühlte. Von der bin ich geflogen und habe erst auf einer weiteren Realschule den mittleren Schulabschluss geschafft. Danach bin ich einige Jahre orientierungslos durchs Leben gestolpert, habe gejobbt ohne konkretes Ziel, ohne eine Ausbildung anzufangen. Ich wollte am liebsten studieren, hatte aber kein Abitur. Das hat mich gelähmt. Der nächste Irrweg war eine private Schauspielschule, auf der ich mein Glück versuchte. Die musste ich nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen wieder abbrechen.

Dann habe ich den LKW-Führerschein gemacht und bei einer Spedition gejobbt, die ich übernehmen wollte, bis ein Bandscheibenvorfall auch dieses Ziel zunichtemachte. Erst da wurde mir klar, dass ich das Abitur machen muss, um weiterzukommen. Dafür kam nur der Vormittagsunterricht im KOOP in Frage, weil ich mittlerweile wieder in der Gastronomie arbeitete. Nachmittags musste ich mich um meinen damals 13-jährigen Stiefsohn kümmern, das Kind meiner Lebensgefährtin. Die Nachtarbeit in der Kneipe, die Familienaufgaben, morgens die Schule, das war zu viel. Kurz vor dem Abitur wurde ich ernsthaft krank und musste ein Urlaubssemester einlegen. Aber jetzt habe ich es geschafft. Was ich nun machen will? Germanistik, Latein, Philosophie oder Geschichte auf Lehramt studieren. Noch habe ich mich nicht endgültig entschieden, aber zwei dieser Fächer werden es. Auf jeden Fall möchte ich Lehrer in einer Schule des Zweiten Bildungsweges werden, der Einrichtung, die mir das Abitur ermöglicht hat. Da fühle ich mich am richtigen Platz.

Zeitgleich mit mir hat auch mein Stiefsohn das Abitur gemacht. Durch ihn fühlte ich mich angespornt, einen guten Abschluss zu machen. Ich wollte ihm ein Vorbild sein.

Wenn ich meine Schullaufbahn betrachte, mit all den Unsicherheiten und dem mangelnden Glauben an mich selbst, so möchte ich jedem zukünftigen Studierenden raten: zweifelt nicht so viel, macht das Abitur. Hier bekommt ihr viel Unterstützung. Fragt Euch aber auch, was Ihr mit dem Abitur anfangen wollt. Man braucht ein Ziel vor Augen. Mein Ziel zu studieren hat mich bei der Stange gehalten, wenn ich mal einen Durchhänger hatte. Die letzten drei Jahre haben auch meinen Charakter geschult. Es klingt paradox, aber ich musste erst noch einmal „Jugendlicher“ werden und den Reifeprozess an der Schule des Zweiten Bildungsweges durchlaufen, um erwachsen zu werden. Erst da bin ich richtig erwachsen geworden.

 

Ich habe im Kampfsport den Schwarzgurt, 2. Dahn. Als Kind habe ich gerne Filme mit Bruce Lee oder „Karate Kid“ gesehen und schon mit 8 Jahren angefangen zu trainieren.  Später war ich fünf Mal in der Woche mit dem Kampfsport beschäftigt und habe dann selbst Kinder und Jugendliche trainiert. 

Gebürtig bin ich aus Detmold, aufgewachsen in einer typischen Gastarbeiterfamilie aus Lippe, die erste, die das Abitur gemacht hat. Mein Vater arbeitet bis heute in einer Laminatfabrik und mein Großvater arbeitete in einem bekannten Unternehmen für landwirtschaftliche Maschinen. Ich sollte es leichter haben im Leben. Zuerst war ich auf der Realschule, dann ein Jahr auf dem Gymnasium, doch ich war zu jung und hatte nur Flausen im Kopf. So habe ich nach mehreren Schulabbrüchen entschieden, von zu Hause auszuziehen und bei einem Sicherheitsdienst zu arbeiten. Dort habe ich gut verdient, bis die Firma Insolvenz anmelden musste. Erst als ich meinen Job verloren hatte, konnte ich mich wieder auf die Schule konzentrieren, habe gegoogelt, wo man das Abitur nachmachen kann, und mich am Abendgymnasium Köln, Außenstelle Bergheim angemeldet. Die letzten drei Jahre habe ich kaum trainiert, weil ich abends immer in der Schule war.

Schule ist auch Kampf. Mit sich (manchmal), mit den Lehrern und dem Stoff. Jeden Tag hat man Unterricht, jeden Tag muss man Leistung zeigen. Nun hab ich es geschafft und kann meinen Traum verwirklichen, Jura zu studieren.

Ich bin dankbar dafür, dass ich eine zweite Chance bekommen habe. Mein Tipp an alle, die das Abitur noch vor sich haben: fleißig sein, am Ball bleiben, kämpfen. Es lohnt sich!