Daniel Stark, 29

Nach meinem Hauptschulabschluss habe ich eher zufällig einen Ausbildungsplatz zum Kaufmann im Einzelhandel bekommen. Bereits während der Ausbildung stellte ich jedoch fest, dass es kein Beruf ist, den ich langfristig ausüben möchte. Trotzdem habe ich meine Ausbildung abgeschlossen und wurde von meinem Ausbildungsbetrieb übernommen, bis ich zum Wehrdienst bei der Bundeswehr einberufen wurde. Dort öffneten sich mir mit meinem Bildungsstand mehr Perspektiven, als es in der freien Marktwirtschaft der Fall war. Da ich dies äußerst interessant fand, bin ich für die nächsten 10 Jahre bei den Streitkräften geblieben. Nachdem ich alle Aufstiegs- sowie Fortbildungsmöglichkeiten ausgeschöpft hatte und keine weiteren Karriereperspektiven mehr sah, setzte ich mich mit der Zeit nach der Bundeswehr auseinander. Eins war mir schon immer klar: ich möchte nicht mehr in meinen alten Beruf zurück, obschon mir gleichzeitig bewusst war, dass mir mit meinem Bildungsstand in der freien Marktwirtschaft nicht viele Türen offen standen. Ich beschloss daher, das Abendgymnasium neben meinem täglichen Dienst zu besuchen. Abi-Online kam für mich nicht in Frage, da ich nach so langer „Schulabstinenz“ den persönlichen Austausch brauchte, um eventuelle Fragen sofort klären zu können. Dass der Unterricht wirklich jeden Abend stattfindet, war für mich ehrlich gesagt sehr überraschend - mir wurde schnell klar, dass ich für die nächsten dreieinhalb Jahre sehr wenig Zeit für meine Familie, Freundin, sowie Freunde haben werde, welche nichtsdestotrotz von Anfang an hinter mir standen. Auch meine Vorgesetzten bei der Bundeswehr haben mich sehr unterstützt sowie ab und an von Diensten befreit, damit ich abends (pünktlich) den Unterricht besuchen konnte. Rückwirkend würde ich sagen, war es eine sehr fordernde und recht anstrengende Zeit. Dennoch kann ich von mir behaupten, keinen einzigen Moment an meinem Vorhaben gezweifelt zu haben. In jener langen Zeit habe ich neben dem Schulstoff sehr viel Disziplin gelernt, welche nicht nur auf dem Weg zum Abitur, sondern auch mit Blick auf ein sich anschließendes Studium von Vorteil ist. Jedem, der in Erwägung zieht, sein Abitur auf dem Abendgymnasium nachzuholen, kann ich nur empfehlen: macht es! Zieht es durch! Lasst euch von der langen Zeit und von den langen Abenden nicht entmutigen, die Zeit geht vorbei - das Abitur und der damit verbundene Stolz bleiben für immer.

 


 

Felix Hofmann

Non scholae, sed vitae discimus!

Seneca hat nicht verhindert, dass ich vor fast vierzig Jahren meine gymnasiale Karriere unterbrach und mich den wichtigen Dingen des Lebens zuwandte: Geld verdienen und mir beruflich den Traum meiner Kindheit zu erfüllen. Was auf der Strecke blieb, war die Eintrittskarte zu Höherem, zum Studium und – vielleicht - am Ende einer Professur an einer Universität! Ich gebe zu, das ist ein bisschen dick aufgetragen, aber das hätte mein Gewinn sein können, wenn ich nicht zu früh die Flinte ins Korn geschmissen hätte...

Jahrzehnte später, fast am Ende meiner beruflichen Laufbahn, stand  ich vor der Frage, was ich mache, wenn ich in Rente gehe. Mir ein Kissen zu kaufen, mich damit ins Fenster zu legen und die Nachbarschaft zu beobachten, quasi als Kontroletti 2.0, erschien mir für den Rest meines Lebens doch etwas langweilig. Ein Studium an einer Fachhochschule oder Universität ist da wohl interessanter – das Erreichen des Rentenalters ist nicht das Lebensende. Leider fehlte mir für die Reise in die Welt des Wissens eine gültige Fahrkarte.

In einem Gespräch mit einem jungen Menschen wurde mir klar, dass ich mich um meinen Fahrausweis selber bemühen musste. Da lag das Abendgymnasium nahe, berufsbegleitend, d.h. nach acht Stunden Arbeit nochmal zu Schule zu gehen und das Abitur zu machen. Ehrlich gesagt, ich hatte keine Schwierigkeiten, Arbeit und Schule unter einen Hut zu bekommen, weil ich wusste, warum ich abends in den Klassenräumen saß.

So, wie das Abendgymnasium organisiert ist, gibt es Berufstätigen die Möglichkeit, den Wunsch nach Weiterbildung quasi ohne Probleme zu erfüllen. Bei der Umsetzung wirkt schon die ständige Anwesenheit im Unterricht Wunder – abgerechnet wird im Abitur. Zum erfolgreichen Schulbesuch gehört auch der Mut zum Lernen und der Biss, am Ball zu bleiben. Hartnäckigkeit bei den Hausaufgaben und auch die Gewissheit, mal scheitern zu können, waren für mich Garanten eines Erfolges, den ich so nicht erwartet  hatte.

Das Ergebnis: Ein Abitur, das es mir möglich macht, nicht stehen zu bleiben, es ist das Ticket zum Weitermachen, außerdem bleibt die Erinnerung an eine interessante Zeit. Mein letztes Wort soll den Lehrern gelten. Sie haben uns am Ende zum bestandenen Abitur gratuliert; ich möchte ihnen auch gratulieren - gratulieren dazu, dass sie uns alle zu diesem Erfolg geführt haben.

Just do it!


Andrea A.
33 Jahre
Mutter zweier Kinder, 7 und 5 Jahre alt

Den entscheidenden Kick, das Abitur zu machen, bekam ich letztendlich durch einen Professor, mit dem ich mal in einem Projekt zusammenarbeitete. Er wollte mir ohne Abitur die Möglichkeit geben zu studieren, allerdings nur bestimmte Fächer, doch ich wollte frei sein in der Wahl des Studiums.

Seit ich das Gymnasium nach der Klasse 11 verlassen hatte, habe ich alles Mögliche gemacht: an der Fachhochschule in Alfter bei Bonn mit Sonderbegabten-Prüfung Schauspiel studiert und abgebrochen, in Berlin in einer Werbeagentur ein Volontariat gemacht. Und immer dachten alle, ich hätte das Abitur. Die Liebe hat mich schließlich zurück nach Köln gebracht, und nach der Familiengründung, der Geburt meiner beiden Kinder, stand eine Umorientierung in meinem Leben an: das Abitur nachholen.

Nun ist der erwähnte Makel ausgemerzt. Ich habe ein sehr gutes Abitur gemacht. Jetzt kann ich alles studieren, was ich will. Jetzt muss mir kein Professor ein Studium „schenken“.
Wahrscheinlich schreibe ich mich für Volkswirtschaftslehre ein. Seit 12 Jahren arbeite ich für eine Nichtregierungsorganisation, die sich für direkte Demokratie stark macht. Wie kann Gleichberechtigung konkret gedacht und praktiziert werden? Wie gestaltet sich ein gerechtes Wirtschaftssystem? Was ist die Aufgabe Europas? Das interessiert mich.
Gerechte Bildung ist auch so ein Thema, das mich umtreibt. Den Ersten Bildungsweg habe ich als sehr selektiv wahrgenommen. Ich war als Jugendliche auf einer Art Elitegymnasium und fühlte mich dort oft fehl am Platze.

Das Lernen als Erwachsene hat mir viel gebracht, inhaltlich wie menschlich. Der Zweite Bildungsweg ist einfach zeitgemäß für junge Frauen und Männer, hier bekommt man eine echte zweite Chance. Zudem wird er aufgrund der Flüchtlinge und Migranten immer wichtiger, weil viele ausländische Schulabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden. Deshalb rate ich allen, die diesen Weg noch vor sich haben: zögert nicht, traut euch etwas zu und meldet euch an. Die Schule lässt sich gut mit Job und Kindern vereinbaren.