Der Bericht eines Studierenden über eine ungewöhnliche Geschichtsarbeit Christian Wunderlich

Die Arbeit an meiner Dokumentation „Wilhelm II. - ein interpretiertes Leben“ stand von Anfang an unter einem guten Stern. Für das Fach Geschichte hatte ich die Aufgabe übernommen, einen Vortrag über Deutschlands letzten Kaiser zu halten, einen Mann, der maßgeblich für den Ausbruch des 1. Weltkriegs verantwortlich gemacht wird. Doch war Wilhelm wirklich der Kriegstreiber gewesen, für den ihn viele Experten hielten? Ich wollte auf diese und andere Fragen eigene Antworten finden und entschloss mich daher, einen Film über Wilhelm II. zu drehen. Bereits bei vorangegangenen Filmprojekten hatte ich schnell gelernt, dass man durch Freundlichkeit und einfaches Anfragen sogar Menschen gewinnen kann, die ansonsten nur für große kommerzielle Projekte zur Verfügung stehen. Bei dieser Doku zeigte sich das ganz besonders: Ich verschickte Emails an diverse Historiker, unter anderem an die Lektorin des weltweit bedeutendsten Wilhelm-Experten, Deutsch-Engländer John Röhl. Er hat über 35 Jahre an seiner dreibändigen Biografie Wilhelms II. gearbeitet, ein Lebenswerk auf über 4000 Seiten. Nur einen Tag später erreichte mich eine Antwort – von John Röhl persönlich.

Meine Anfrage habe ihn in Sussex, England, erreicht, wo er lebe, schrieb er. Ich dachte natürlich gleich: Okay, das wird nichts. Ich kann unmöglich nach Sussex reisen. Dann jedoch folgte die Überraschung: Er sei in der kommenden Woche zufällig für ein paar Tage in Köln und würde sich zu einem Interview bereit erklären.
Unfassbar wie das Leben manchmal so spielt.
Nun befand ich mich zu dem Zeitpunkt erst am Anfang meiner Recherchen; noch wusste ich kaum etwas über Wilhelm II., also besorgte ich mir schnurstracks eine Biografie, arbeitete sie die folgenden Tage durch und notierte unzählige Fragen. Als es schließlich zu dem Treffen mit John Röhl kam, war ich einigermaßen vorbereitet, so dass es zu einem zweistündigen, sehr interessanten Gespräch über Deutschlands letzten Kaiser kam. John Röhl präsentierte sich als äußerst freundlich, aber natürlich merkte ich, dass er nicht davon ausging, hier an einer richtigen Doku mitzuwirken. Es ist ihm nicht zu verübeln, wenn man bedenkt, dass ich diesen Film ja „bloß“ für die Abendschule drehte, ohne Budget und mit einer lausigen Spiegelreflex.
Im Laufe der folgenden drei Monate filmte ich mit einem Studienkollegen in Doorn, Holland, Ort Wilhelms letzten Wohnsitzes und seiner Ruhestätte, und in Berlin und Potsdam, um Aufnahmen von seinem Schloss zu machen und zwei weitere Historiker zu interviewen, die beide ebenfalls Bücher über Wilhelm veröffentlicht hatten.
Langsam nahm der Film Form an, und bisher klappte alles verdächtig reibungslos. Ein weiteres Interview filmte ich schließlich noch in einem kleinen Ort unweit von Köln, dann waren die Dreharbeiten abgeschlossen und auf mich wartete ein Berg von Material, das nun zu einem homogenen Film zusammengefügt werden musste. Damit begann der Großteil der Arbeit.
Nach zwei weiteren Monaten war der Film schließlich fertig, eine etwa 45minütige Dokumentation, in die ich all meine Leidenschaft gesteckt hatte. Als ich den Film gemeinsam mit einem Studienkollegen, der dazu eine passende Power-Point-Präsentation angefertigt hatte, endlich dem Geschichtskurs präsentierte, staunte unser Lehrer Herr Simons nicht schlecht. Aber sein Staunen wurde umso größer, als er erfuhr, dass ich diesen Film nicht einfach aus bereits existierenden Interviews und Aufnahmen zusammengeschustert hatte, sondern dass dies tatsächlich ein Originalwerk war. „Du hast John Röhl getroffen?“, fragte er mit großen Augen.
John Röhl selber zeigte sich nicht weniger überrascht. Nachdem ich ihm den Film per Email geschickt hatte, ließ seine Antwort nicht lange auf sich warten: Er war hingerissen. Es wurde deutlich, dass er damit tatsächlich nicht gerechnet hatte. Ich glaube, das war der Augenblick, als zwischen uns eine Art Freundschaft entstand, die bis heute durch regelmäßigen Email-Austausch am Leben gehalten wird.
Hier sollte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Eigentlich. Doch der Höhepunkt sollte erst noch folgen. Kurz nach der Präsentation schickte ich den Film an die Redaktion des SPIEGEL. Natürlich rechnete ich mir höchstens eine Chance im Nuller-Bereich darauf aus, dass sie sich überhaupt melden würden, immerhin sprechen wir hier von Deutschlands bedeutendstem Politmagazin.
Doch auch hier zeigte sich mal wieder, was ich während all meiner Projekte für die Schule gelernt habe: Fragen lohnt sich. Denn wie schon bei John Röhl meldete sich der Leiter des Videoportals von SPIEGEL ONLINE nur einen Tag später bei mir. Er zeigte sich angetan von dem Film und meinte tatsächlich, dass man sich beim SPIEGEL eine Veröffentlichung auf der Videoplattform SPIEGEL.TV vorstellen konnte. Ich war erstarrt vor Glück, wurde aber kurz darauf in meiner Euphorie gebremst, denn ich hatte Archivaufnahmen von Wilhelm benutzt, an denen weder ich noch der SPIEGEL die Rechte besaßen. Zudem unterband die GEMA die Verwendung der von mir eingebauten Musikstücke. Es sah ganz danach aus, als würde meine Glückssträhne nun schließlich doch reißen.
Es kam jedoch anders, denn der SPIEGEL besaß in seinem Archiv alternative Aufnahmen von Wilhelm und der Zeit des 1. Weltkriegs. Zudem komponierte das Songwriter-Team von Tinseltown Music, das auch für Künstler wie Unheilig und Roger Cicero produziert, kostenlos und eigens für meinen Film brandneue Stücke zu meiner freien Verwendung. Diese Chance konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, auch wenn das bedeutete, dass ich den Film noch einmal ganz von vorne aufrollen musste. Ich investierte einen weiteren Monat Arbeit, bevor der Film schließlich und endlich bereit war für eine Veröffentlichung. Ein halbes Jahr nach Beginn der Arbeiten an meiner Dokumentation nahm der SPIEGEL ihn tatsächlich auf sein Videoportal auf – Sie können ihn sich hier ansehen:

Wenn man bei Google „Wilhelm II.“ eingibt, ist mein Film mittlerweile der erste, der als Video zu diesem Thema vorgeschlagen wird. Der SPIEGEL hat mir inzwischen sogar ein stattliches Gehalt für den Film überwiesen. All das sind Dinge, die ich mir zu Anfang nie hätte vorstellen können, und natürlich würde es den Film nicht geben, hätte ich nicht die Entscheidung getroffen, am Abendgymnasium Köln mein Abitur nachzuholen. Diese Schule ist ein Glücksgriff für jeden, der eine zweite Chance ergreifen will, und die wunderbaren Lehrer haben mit ihrem engagierten Einsatz dazu beigetragen, dass ich meine Motivation über die knapp drei Jahre hinweg immer oben halten konnte. Am Abendgymnasium Köln, das habe ich schnell erfahren, gilt die gleiche Lehre wie für meine Filme: Fragen lohnt sich und bringt dich in jedem Fall einen Schritt weiter; vielleicht sogar weiter, als du es dir selber je zugetraut hättest.


Christian Wunderlich