In der JVA-Köln Ossendorf bietet das WbK Abendgymnasium Köln seit 1998 Kurse zur Erlangung der Schulabschlüsse Hauptschule, Mittlere Reife und Fachabi an.

Schule im Strafvollzug versucht durch die Vermittlung von Sach- und Sozialkompetenz daran mitzuarbeiten, dass die Gefangenen wieder in die Strukturen der Gesellschaft hineinfinden und ihren Platz darin einnehmen können.
Einzigartig mindestens in NRW, womöglich bundesweit, ist die Beteiligung weiblicher Gefangener in unserem koedukativen Bildungsgang.

Voraussetzungen für den Unterricht in der JVA

  • Männer und Frauen mit einem Mindestalter von 18 Jahren (für Abendgymnasialzweig)
  • verbleibende Haftzeit mindestens 6 Monate
  • Zeugnisse vorweisen mit Hauptschulabschluss oder nachgewiesene 3-jährige Arbeitstätigkeit (für Abendgymnasialzweig)
  • keine Tätertrennung

 

Abschlussmöglichkeiten

  • Vorkurs: nach 6 Monaten Hauptschulabschluss
  • E-Phase: nach 1 Jahr Fachoberschulreife
  • H-Phase: nach 1 Jahr und 6 Monaten Fachhochschulreife

Unterrichtszeiten

  • Die Kurse finden ganztags statt. Die Schulferien entsprechen den offiziellen Schulferien.
  • Die Kurse sind in Vormittags- und Nachmittagsblöcke gelegt. Ein Fächerwechsel findet während eines Blocks nicht statt. Statt dessen wechseln die Fächer z.T. im 14-tägigen Abstand.

Schulleben in der JVA: Rap (2011)

Anlässlich der Verleihung des Fachabiturs hat ein Absolvent einen Rap über die Schule in der JVA verfasst.
Der Rap fasst zusammen, welche Bedeutung der Unterricht im Gefängnis hat - besser, als wir Lehrer es könnten.
Die Aufnahme wurde im August 2011 in der JVA gemacht.

Den Song gibt es hier:


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Interview mit Herrn Pfläging - dem inzwischen ehemaligen Projektkoordinator

Ein Interview aus dem Jahr 2002, das als Studierendenprojekt "Homepage" entstand.

Herr Pfläging ist der Koordinator zwischen den Inhaftierten und den Schulen, die von "draußen" in die Anstalt kommen.

Pfläging: Besonders interessierte uns das Projekt Fachabitur in Kooperation mit dem Abendgymnasium Köln.

Wir fragten Herrn Pfläging nach den Schulsystemmöglichkeiten in der Anstalt.
Die erste Abiturklasse startete am 01.02.1998.
Von dieser Zeit an gab es eine Gesamtteilnehmerzahl von ca. 140 Personen.
Bis zum 01.02.2002 haben 51 Teilnehmer das Fachabitur erreicht, wobei der größte Teil der ausgeschiedenen Personen bei ihrem Gerichtstermin entlassen wurde.

Außerdem, wollten wir wissen, inwieweit die Anstalt das Projekt unterstützt und inwieweit die Anstalt die Kosten trägt.
Herr Pfläging sagt: "Der Anstaltsleiter hat das Projekt von Anfang an unterstützt". Die Abteilungsbeamten haben eine "vollzugsspezifische Distanz", welche sich im Laufe der Zeit etwas lockerte.
Zuschüsse werden laut Herrn Pfläging vom Abendgymnasium Köln übernommen; die Materialkosten werden vom Bildungsetat der JVA getragen. Drei Lehrkräfte erhalten ihre Bezüge über den Vollzug und sieben über das Abendgymnasium.

Diese Vollzugsschulform ist in der BRD bisher einmalig, in diesem Jahr (2002) beginnt in der JVA Münster ein Projekt, das zum Vollabitur führt.

Die Anstalt erhofft sich eine ausreichend große Durchschnittsgruppenanzahl, denn die Gruppen sind nicht ganz stabil. Es kann wegen vollzugsbedingter Fluktuationen nicht sichergestellt werden, dass mindestens 10 Personen das Ziel FHR erreichen. Das Abendgymnasium strebt die Anzahl von bis zu 15 Personen pro Klasse an, die dieses Ziel erreichen sollen.

Als Gefahren für das Projekt erläutert Herr Pfläging, dass der Vollzug ein fremdes System für Lehrkräfte sei, daher könnten Fehler und Komplikationen auftreten.
Außerdem berge die koedukative Schulform Gefahren. Aus diesem Grund werde kein Fehlverhalten im sexuellen Bereich geduldet, diese führen zum Ausschluss einer oder mehreren Personen (Anmerkung: Sexueller Kontakt zwischen den Gefangenen ist in der JVA untersagt).
Die Koedukation ist heute noch, bis zur Zustimmung des Justizministers, ein Versuchsprojekt. Sie ist deshalb durch Missbrauch stark gefährdet.

Herr Pfläging macht deutlich, dass für Inhaftierte Zukunftsperspektiven geschaffen werden sollen. Dieses Weiterbildungsangebot soll besonders für Untersuchungshäftlinge, die meist über 1.Jahr in U-Haft verbringen, sowie Lebenslängliche und Gefangene mit langen Strafen gelten.
Dadurch, dass der Gesetzgeber Pflichtarbeit nur für jugendliche U-und Strafhäftlinge, sowie für erwachsene Strafgefangene festgelegt habe, seien relativ wenige bereit, zur Schule zu gehen, da erwachsene U-Häftlinge nach Gesetz keine Vergütung erhalten.

Leider sind keine gesicherten Informationen über die Zeit nach den Abschlussprüfungen vorhanden, weil es nur begrenzte Rückmeldung nach Verlegung oder Entlassung gebe.
Herr Pfläging wisse jedoch, dass zwei entlassene Absolventen ein Studium aufgenommen haben, wie auch über 5 Personen, die in der JVA Geldern die Fachhochschule besuchen.
Ein ehemaliger Studierender hat eine industrielle Meisterausbildung aufgenommen. Einige andere haben sich nach ihrer Entlassung für Handwerksmeisterausbildungen entschieden.
Außerdem sei auch die Möglichkeit gegeben, nach dem Fachabitur (mit Lockerungen oder Verlegung in den "Offenen Vollzug") am Abendgymnasium Köln das Vollabitur zu machen, jedoch müssten Kenntnisse in zwei Fremdsprachen nachgewiesen werden.