Isabel Dietrich, 36, hätte sich vor ein paar Jahren das Abitur niemals zugetraut. Jetzt hat sie als eine der Besten abgeschnitten und genügend Selbstbewusstsein, um Psychologie zu studieren, „weil ich gemerkt habe, dass ich gut mit theoretischen und wissenschaftlichen Texten umgehen kann“. Die gelernte Krankenschwester und Mutter von zwei Kindern besuchte das „Abendgymnasium am Vormittag“, das Kooperationsprojekt mit dem Köln--Kolleg „Lernen, wenn die Kinder lernen“.

 


Mit Fahrplänen der deutschen Bundesbahn kennt er sich bestens aus. Im Freundeskreis sind seine Kenntnisse gefragt, wenn es darum geht, billige Tickets zu ergattern. So hat Volker Lange, 28, sein Hobby zum Geldverdienen genutzt und für Marktforschungsfirmen regelmäßig Interviews mit Bahnkunden durchgeführt.  „Das letzte halbe Jahr vor dem Abitur habe ich wegen des Jobs viel gefehlt, doch der Zusammenhalt in der Klasse war enorm. Wir haben uns gegenseitig motiviert“, sagt Eisenbahnfan Lange, der mit 18 das Gymnasium abgebrochen hatte. Heute, 10 Jahre später, hat er ein exzellentes Abitur gemacht. Im Juli beginnt er eine Ausbildung als Konsulatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin. Er gehört zu den 40 Besten, die unter 1200 Bewerbern ausgewählt wurden.

Musa Deli, 26, besuchte den Lehrgang „Abitur online“. Der gelernte Industriemechaniker arbeitete bis kurz vor dem Abitur als Schichtarbeiter am Flughafen Köln/Bonn. „Mein Meister war von der Schule nicht begeistert. Es war immer ein Kampf, die Schichten zu bekommen, die sich mit der Schule vereinbaren ließen. Für die Klausuren musste ich mir oft einen Tag Urlaub nehmen.“. Die Eltern hätten ihm nicht nachdrücklich genug vermittelt, wie wichtig Bildung sei, sagt der Sohn türkischer Gastarbeiter, dessen Vater bei Ford gearbeitet hat. Nach bestandenem Abitur möchte er Filmregisseur werden.

Sandra Stolp, 36, hat noch keine konkreten Pläne, was sie nach dem Abitur machen will. Schließlich hat sie schon eine gute Stelle. Als Abteilungsleiterin der Universitätsklinik Köln koordiniert sie die Arbeit von 25 Mitarbeitern im Bereich Codierung und Dokumentation. Wie hat sie es geschafft, eine Führungsaufgabe, die Schule und die Familie unter einen Hut zu bekommen? „Alles eine Frage der Organisation“, sagt Sandra Stolp, die den Lehrgang „Abitur online“ besuchte. „Auch wenn es anstrengend war, die Schule hat sich gelohnt. Man geht über die eigenen Grenzen hinaus, man erweitert seinen Horizont, entwickelt andere Denkweisen. Doch jetzt brauchen mich neben der Arbeit vor allem meine beiden Söhne“, sagt die allein erziehende Mutter.

Bei Busra Sat, 22, lag es nicht an mangelndem Ehrgeiz der Eltern, dass sie erst jetzt das Abitur gemacht hat. Alle ihre fünf Geschwister hätten das Tagesgymnasium besucht und studiert, so die Tochter eines Moscheegelehrten und einer Lehrerin für Koranunterricht für Erwachsene. Ihre Eltern kamen vor einem Vierteljahrhundert aus Diyarbakir im kurdischen Teil ganz im Osten der Türkei nach Köln. Busra Sat hat nach der Hauptschule eine Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin gemacht. Jetzt möchte sie Pharmazie studieren.