Karina S., Wintersemester 2017

31 Jahre
Mutter von zwei Töchtern im Alter von 8 und 11 Jahren
Abiturientin des Lehrgangs AbiVor

Mit 17 Jahren bin ich nach Deutschland gekommen, zusammen mit meinen Eltern und meiner drei Jahre älteren Schwester. Geboren bin ich im Uralgebirge, aufgewachsen in Westsibirien, in einer Art Trabantensiedlung in der Nähe der Stadt Jugorsk, die von der russischen Gasindustrie aus dem Boden gestampft worden war. Dorthin sind meine Eltern gegangen, als bei dem Gasunternehmen Arbeitskräfte gesucht wurden. Mein Vater war Elektroschweißer, meine Mutter Lehrerin für Mathe, Physik und Astrologie. Ich habe in dieser Siedlung im sibirischen Niemandsland eine Art Zwergschule bis Klasse 11 besucht.

Von Sibirien nach Deutschland

Im Mai 2003 sind wir als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen – über Friedland und Unna-Massen nach Köln, weil dort unsere Verwandten väterlicherseits wohnten.
Im Gymnasium habe ich zunächst die 9. Klasse wiederholt, dann aber die Schule in der 10. Klasse verlassen, als ich meinen Mann kennenlernte und wir geheiratet haben. Dann kamen im Abstand von drei Jahren meine beiden Töchter. Heute würde ich es umgekehrt machen: erst die Schule, dann die Familiengründung. Das ist einfacher.

Schule statt Familienarbeit

Irgendwann war ich von der Haus- und Familienarbeit nur noch genervt, hatte häufig Streit mit meinem Mann, der gesagt hat, dass ich nichts bin und nur sein Geld verschwende. Ich solle endlich eine Ausbildung machen und Geld verdienen. So habe ich mich auf der TAS, der Tages- und Abendschule in Köln-Mülheim, angemeldet und zunächst den Hauptschulabschluss nachgeholt. Danach wollte ich eigentlich eine Ausbildung in einem Steuerbüro machen, doch während des Praktikums dort wurde ich nur ausgenutzt zum Kaffeekochen und Kopieren.

Bildung macht selbstbewusst

Meine Motivation, das Abitur zu machen? Ich wollte selbstbewusster werden, der Familie meines Mannes zeigen, dass ich ein Mensch bin, nicht nur Hausfrau und Mutter. Gleichzeitig wusste ich: Bildung ist meine einzige Chance, das Leben gut zu meistern.
Nach dem Fachabitur wollte ich eigentlich aufhören, doch die Lehrer haben mich motiviert weiterzumachen. Kurz vor dem Abitur hatte ich wieder Zweifel. Da war es mein Mann, der mich ermunterte weiterzumachen.
Was mir die Schule gebracht hat? Zunächst einmal ein gutes Abitur, dann Selbstbewusstsein und die Achtung meiner Familie: meine Kinder, mein Mann und meine Mutter sind jetzt sehr, sehr stolz auf mich.

Vorbild für meine Töchter

Nun möchte ich eine Ausbildung am Finanzamt machen. Wenn mir das doch zu trocken sein sollte, werde ich einen sozialen Beruf erlernen. Ich weiß, dass ich gut mit Menschen umgehen kann, praktisch und seelisch.
Was ich meinen Töchtern mitgebe? Ich bin ihr Vorbild, unterstütze sie darin, dass sie auch das Abitur machen und gebe ihnen meine Liebe zur französischen Sprache weiter. Sie haben es jetzt schon leichter als ich, sind in Deutschland aufgewachsen und sprechen akzentfrei Deutsch. Beide haben Menschen um sich herum, die an sie glauben. Das hatte ich nicht.

Mein Tipp für die Neuen: Bitte nicht resignieren, wenn man mal schlechte Noten hat. Bitte nicht zu viel Selbstkritik üben und zu viel von sich verlangen. Damit tötet man sich selbst.

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