Petra W, Sommersemester 2017

44 Jahre
Mutter von vier Kindern im Alter von 24, 21, 17 und 6 Jahren
Abiturientin des Lehrgangs AbiVor

Noch einmal etwas anderes im Leben machen als Kinder großziehen, mich nicht mehr klein und unscheinbar fühlen, herausfinden, was in mir steckt: Diese Gedanken beschlichen mich vor fünf Jahren zum ersten Mal und gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich hatte mich gerade von meinem Mann getrennt und war von heute auf morgen allein erziehende Mutter von vier Kindern, eines davon, das jüngste, behindert.

Über das Internet bin ich auf den Lehrgang AbiVor gestoßen und habe nach dem Informationsgespräch direkt entschieden, das zu machen. Außer einer abgebrochenen Ausbildung in der Krankenpflege, die ich wegen der ersten Schwangerschaft abbrechen musste, hatte ich ja beruflich nichts vorzuweisen.

Eigentlich hatten wir ein gutes Leben. Mein Ex-Mann ist Arzt und wir sind als Familie ständig umgezogen, haben in verschiedenen Städten gelebt, auch ein Jahr in London. Und in den Ferien sind wir mit dem Geländewagen kreuz und quer durch Europa und den Nahen Osten gefahren. Wir waren bei den Beduinen in Jordanien, in der Türkei und vor dem Nahostkrieg auch in Syrien.

Aber irgendwann habe ich gemerkt: meinem Mann ging es immer nur um seine Karriere, ich musste sehen, wie ich in sein Berufsleben reinpasse, fühlte mich wie ein Vogel im Gefängnis. Theoretisch hätte ich alles machen können, aber praktisch ging das gar nicht.
So habe ich, bevor ich wieder zur Schule ging, ehrenamtlich in einer Grundschule gearbeitet und Kinder bei den Hausaufgaben betreut. Oder in meiner Kirchengemeinde Kindergottesdienste organisiert. Die letzten Jahre vor der Geburt der Kleinen hatte ich Tageskinder und Tagespflegekinder.

An die Schule musste ich mich erst wieder gewöhnen. Familie und Lernen unter einen Hut zu bringen, war nicht so einfach. Gelernt habe ich immer abends, wenn die Kleine im Bett war. Auf der anderen Seite hat mir die Schule Halt und Sicherheit, eine Struktur gegeben. Die Lehrer habe ich als motivierend und unterstützend empfunden, anders als in der Schulzeit früher.

In meiner Klasse waren verschiedene Kulturen vertreten: Italien, Polen, Russland, Kurden, Türkei, Iran, Kosovo. Das empfand ich als bereichernd. Mit 44 war ich die Älteste, doch uns hat zusammengeschweißt, dass wir alle Kinder haben. Überhaupt hat mich die Schule verändert. Ich gehe jetzt mit offenen Augen durch die Welt, interessiere mich für Geschichte und Politik. Was macht das Internet mit mir? Über Massenüberwachung habe ich früher nie nachgedacht, um nur ein Beispiel zu nennen. Dieses Verstehen der Zusammenhänge ist spannend.

Was ich jetzt nach dem Abitur machen möchte? Vielleicht Islamwissenschaften studieren. Aber Deutsch als Fremdsprache oder Geschichte, mein Lieblingsfach in der Schule, finde ich auch interessant. Irgendwann sind die Kinder groß und gehen weg, da fallen einige Frauen in ein Loch, das will ich nicht.

Mein Tipp an die Neuen: arbeitet im Team zusammen. Trefft euch außerhalb der Schule und bildet kleine Lerngruppen. Und wenn ihr mal einen Durchhänger habt, vertraut euch einem Lehrer an und schraubt eure Erwartungen nicht zu hoch. Wenn man zum Beispiel in Mathe nicht so gut ist, ist das kein Beinbruch. Man kann sich immer Hilfe holen.

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