Allen eine STIMME!

Der folgende Text wurde vom diesjährigen Abiturienten Alen Veličanin verfasst.
Er erscheint in der Rubrik „Erfolgsgeschichten“, ist aber weitaus mehr als das. Wir bedanken uns für den Denkanstoß, der uns daran erinnert, dass auch unsere Institution lebenslang lernen kann und muss.

»Allen eine zweite Chance«, dieser Slogan des Abendgymnasiums Köln begrüßte mich für etwas mehr als drei Jahre jeden Abend am Haupteingang. Zu Beginn nur beiläufig registriert und unreflektiert wieder aus den Gedanken geschossen, begann mich der Spruch mit der Zeit immer mehr zu irritieren. Ich fing an, mich zu fragen:
Was habe ich eigentlich verbrochen, dass ich jetzt die Möglichkeit bekomme, mich wieder zu rehabilitieren?
Ein gut gemeinter Spruch, der im Subtext von Scheitern, Versagen und Erfolglosigkeit spricht und damit alle Menschen, die diese Institution besuchen, in ihrer Biografie ein Stück weit abwertet. Dabei haben nicht wenige Menschen am Abendgymnasium eine abgeschlossene Berufsausbildung und/oder stehen mit beiden Beinen fest im Berufsleben.
Allein deswegen lohnt sich der Besuch am Abendgymnasium; ob man nach dem bestandenen Fachabitur oder Abitur den Weg in den Hörsaal findet oder nicht, ist zweitrangig. Denn auch am Abendgymnasium begegnet man unter Umständen Lehrerinnen und Lehrern, die in ihrer determinierten Sicht vielleicht noch mal überrascht werden, weil nicht ein Mensch mit einem vermeintlichen Bildungsdefizit vor ihnen sitzt, sondern eine Bereicherung mit einer eigenen Geschichte.

In den bisherigen »Erfolgsgeschichten« schrieben die Verfasserinnen und Verfasser von ihren persönlichen Beweggründen für die Anmeldung am Abendgymnasium, dem Erleben von Schule wieder nach längerer Zeit, den privaten Opfern für das angestrebte Ziel und schlussendlich dem tollen Gefühl, es endlich geschafft zu haben.

So divers das Bild der Menschen am Abendgymnasium ist, so unterschiedlich sind die eigenen Lebensgeschichten, die sie dort hingeführt haben. Sei es schlichtweg der Wunsch, sich mit dem Fachabitur oder Abitur beruflich weiterzubilden oder um diskriminierende Schranken aus dem ersten Bildungsweg zu überwinden. Umso schöner ist es natürlich dann, wenn am Ende das Abiturzeugnis in der Hand nicht nur zur Selbstermächtigung dient, sondern auch als metaphorischer Mittelfinger gedeutet werden kann gegenüber denjenigen, die einem die kognitiven Fähigkeiten für den Zugang zum Gymnasium in jungen Jahren abgesprochen haben.
Das Abitur macht einen nicht zwangsläufig intelligenter (zwischen Bildung und Wissen besteht ein großer Unterschied). Das Abitur macht einen nicht zwangsläufig erfolgreicher. Das Abitur ist in erster Linie symbolisches Kapital.

Ein Kapital, das z. B. benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft Zugang zu Institutionen und Jobs erlaubt, die sonst von der privilegierten Mehrheitsgesellschaft besetzt werden. All dies erzeugt eine Sichtbarkeit, die Repräsentationslücken schließt. Universitäten und Fachhochschulen werden von Menschen besucht, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung und (sozialen) Herkunft neue Sichtweisen beisteuern und dadurch den gesellschaftlichen Diskurs bereichern und vor allem mitreden, statt dass über sie geredet wird.
In einer so diversen Gesellschaft wie der unseren müssen neue Aushandlungsprozesse stattfinden über Zugänge, Normen und Positionen.

Das Abendgymnasium Köln steht mit seinem Leitbild genau für dieses Vorhaben.
Darum gebt Ihr, liebe Lehrer und Lehrerinnen, den Menschen am Abendgymnasium Köln keine zweite Chance, sondern durch Eure engagierte Arbeit die Voraussetzung dafür, dass unsere Perspektiven und Stimmen zu gelebter Vielfalt in unserer Gesellschaft beitragen.

 

Ein Kommentar

  1. Ich jedoch sehe für mich tatsächlich eine zweite Chance, wenn auch nicht im üblichen Sinn. Diese zweite Chance, die mir gewährt wurde, war nicht der Weg in ein besseres oder qualifizertes Berufsleben, sondern der Weg an die Uni in einen von mir schon als Kind geträumten Traum, ein Studium der Geschichte. Durch das Abitur wurde dieser Traum Wirklichkeit. Er erfüllt nun trotz des Lock-down und trotz meines Alters mein Leben.

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